Vom Buchstabenlautbild zum MEMOBU-Lernsystem

Wie aus einer Idee Schritt für Schritt ein neues Schriftspracherwerbssystem entstand

Die Entwicklung von MEMOBU begann nicht mit Karten, Lernstufen oder Lautsortierkreisen. Sie begann mit einer einzigen Frage:

Wie kann ein Kind Wörter schreiben, bevor es die Buchstabenformen sicher beherrscht?

Ich war überzeugt, dass dies möglich sein müsste (siehe Artikel Wölfli-Geheimschrift). Wenn Buchstabenform und Lauterinnerung zu einem einzigen Bild verschmelzen, entsteht eine Verbindung, die Kinder unmittelbar zum Schreiben nutzen können. Gleichzeitig wird dabei ganz nebenbei auch die abstrakte Buchstabenform mitgelernt.

MEMO-BU – sie merken sich die Buchstaben.

Damit war die Grundidee der Buchstabenlautbilder geboren.

Doch schon bald zeigte sich: Buchstabenlautbilder allein genügen nicht. Jede beantwortete Frage führte zur nächsten Herausforderung – und daraus entstand Schritt für Schritt ein weiterer Baustein des heutigen MEMOBU-Lernsystems.


1. Der Anfang: Buchstabenlautbilder

Mein Ziel war die Entwicklung eines vollständigen Buchstabenlautbild-Systems, das sämtliche wichtigen Laute der deutschen Sprache abdeckt.

Von Anfang an war klar:

  • Die Buchstabenform sollte Teil des Bildes sein.
  • Das Bild sollte den Laut unmittelbar erinnern.
  • Die Buchstabenlautbilder mussten so klar sein, dass man sie hintereinanderlegen und unmittelbar lesen oder zum Schreiben verwenden konnte.

So sollte Schreiben bereits möglich werden, bevor die abstrakten Buchstabenformen vollständig verinnerlicht sind.

Schon früh entstand deshalb die Idee einzelner Karten mit Buchstabenlautbildern, die Kinder in die Hand nehmen, legen, drehen und zu Wörtern zusammensetzen können.


2. Warum Karten – und keine Puzzleteile?

Meine erste Idee waren Puzzleteile, die sich beliebig zusammensetzen lassen sollten.

Nach den ersten Entwürfen wurde jedoch deutlich:

  • Die Nuten der Puzzleteile würden wertvollen Platz für die eigentlichen Buchstabenlautbilder beanspruchen.
  • Breite und schmale Buchstaben (wie SCH oder I) liessen sich nur schwer sinnvoll darstellen.
  • Die Herstellung wäre deutlich aufwendiger.

Ich entschied mich deshalb für rechteckige Karten. Sie boten genügend Platz – auch für breite Buchstabenlautbilder wie SCH.

Diese Entscheidung erwies sich im Nachhinein als Glücksfall. Sie löste nämlich gleichzeitig ein zweites Problem.


3. Eine Kartendrehung statt eines zweiten Alphabets

Wenn Kinder zunächst Grossbuchstaben kennenlernen, stellt sich zwangsläufig die nächste Frage:

Wie gelangen sie später zu den Kleinbuchstaben?

Die Antwort lag auf der Rückseite der Karten.

Jede Karte erhielt auf der Vorderseite ein Buchstabenlautbild und auf der Rückseite den passenden Kleinbuchstaben. So genügt später eine einfache Kartendrehung, um vom Gross- zum Kleinbuchstaben zu wechseln.

Gross- und Kleinbuchstaben wurden an derselben Schreiblinie ausgerichtet. Dadurch entstand nicht nur ein harmonisches Schriftbild, sondern auch eine natürliche Einführung in die drei «Stockwerke» der Kleinbuchstaben. Da die Rückseite hochkant genutzt werden konnte, blieb sogar genügend Platz für alle Ober-, Mittel- und Unterlängen.

Der Übergang vom Gross- zum Kleinbuchstaben entsteht so spielerisch – ganz ohne ein zweites Lernsystem.


4. Das erste Schreiben zeigte das eigentliche Problem

Bevor ich begann, Buchstabenhäufigkeiten mathematisch zu untersuchen, wollte ich zunächst einfach ausprobieren, wie sich Schreiben mit Karten überhaupt anfühlt.

Ich druckte die ersten Buchstabenlautbilder aus, klebte Vorder- und Rückseiten zusammen und begann Wörter zu legen.

Dabei zeigte sich überraschenderweise nicht das Schreiben als Schwierigkeit.

Das eigentliche Problem war das Wiederfinden der richtigen Karte.

Schon nach wenigen Karten entstand Unordnung.

Kinder würden schnell den Überblick verlieren.

Mir wurde klar: Ein funktionierendes Schriftspracherwerbssystem braucht Ordnung.


5. Aus Chaos wurden Lernstufen

Der erste Gedanke war naheliegend:

Kinder lernen ja ohnehin nicht alle Buchstaben gleichzeitig. Warum also sollten von Anfang an sämtliche Karten auf dem Tisch liegen?

Die Lösung waren Lernstufen.

Dadurch lagen zunächst nur wenige Karten bereit, die Schritt für Schritt ergänzt wurden.

Doch das löste das Problem nur teilweise.

Denn früher oder später mussten trotzdem alle Karten auf dem Tisch liegen. Die schiere Anzahl verschiedener Laute machte das Wiederfinden weiterhin schwierig.

Es brauchte also nicht nur weniger Karten, sondern auch eine Ordnung innerhalb der Lernstufen.


6. Der Kompass im Mund

Die entscheidende Frage lautete:

Wie finden Kinder eine bestimmte Karte möglichst logisch wieder?

Die Lösung sollte nicht künstlich sein.

Sie sollte aus der Sprache selbst entstehen.

Gemeinsam mit meinen Kindern ordnete ich die Buchstaben den Stellen im Mund zu, an denen ihre Laute entstehen.

Überraschenderweise kamen wir unabhängig voneinander nahezu auf dieselbe Ordnung.

Schliesslich entstanden vier Lautregionen:

  • Hals
  • Gaumen
  • Zunge und Zähne
  • Lippen

Damit waren die Lautsortierkreise geboren.

Sie schaffen nicht nur Ordnung auf dem Arbeitsplatz.

Sie fördern gleichzeitig die Lautbewusstheit – sowohl beim Sortieren als auch beim späteren Wiederfinden der Karten.

Was zunächst wie ein organisatorisches Problem erschien, entwickelte sich im Nachhinein zu einem der wichtigsten Bestandteile des gesamten Lernsystems.


7. Aber was sollen Kinder überhaupt schreiben?

Nun konnten Kinder Karten finden.

Doch welche Wörter sollten sie schreiben?

Kinder brauchen Wörter,

  • die sie kennen,
  • die sie lautgetreu schreiben können,
  • die man bildlich darstellen kann.

So entstand zunächst ein Kinderwortschatz aus vorwiegend konkreten Nomen.

Im Austausch mit Lehrpersonen und Wissenschaftlerinnen wurde dabei immer deutlicher, wie wichtig ein ausschliesslich lautgetreuer Wortschatz ohne orthographische Besonderheiten ist.

Kinder sollen sich beim Schreiben nach Gehör keine falschen Schriftbilder einprägen.


8. Die Geburtsstunde der Schreibideenbilder

Schon bald zeigte sich die nächste Schwierigkeit.

Mit einem begrenzten Buchstabenrepertoire möchten Kinder viele Wörter schreiben – doch genau die passenden Buchstaben fehlen ihnen noch.

Wie also entstehen Schreibideen, die sich mit den bereits gelernten Buchstaben tatsächlich umsetzen lassen?

Die Antwort waren die Schreibideenbilder.

Sie zeigen Szenen voller Gegenstände, deren Wörter sich ausschliesslich mit den Buchstaben der jeweiligen Lernstufe schreiben lassen.

Begleitende Wortschatzlisten unterstützen Eltern und Lehrpersonen – und fördern gleichzeitig den Wortschatzaufbau.

So entstehen von Anfang an erfolgreiche Schreiberfahrungen.


9. Welche Buchstaben kommen zuerst?

Damit blieb noch eine letzte grosse Frage:

In welcher Reihenfolge sollen Buchstaben eingeführt werden?

Mehrere Ziele mussten gleichzeitig erfüllt werden:

  • möglichst viele gut schreibbare Wörter,
  • gut unterscheidbare Buchstabenformen,
  • leicht artikulierbare Laute,
  • möglichst hohe Kompatibilität mit bestehenden Lehrmitteln.

Diese Frage wollte ich nicht aus dem Bauch heraus entscheiden.

Gemeinsam mit einem eigens entwickelten Computerprogramm wurden verschiedene Progressionsmodelle berechnet und miteinander verglichen.

Erst daraus entstand die heutige Reihenfolge der Lernstufen.


10. Ein Lernsystem statt einzelner Materialien

Rückblickend entstand MEMOBU nicht als fertige Idee.

Jeder neue Baustein löste ein Problem, das sich erst beim praktischen Arbeiten zeigte.

  • Buchstabenlautbilder ermöglichen das Schreiben, bevor die Buchstabenformen automatisiert sind.
  • Karten machen Sprache greifbar. Sie lassen sich ordnen, legen, drehen und immer wieder neu zusammensetzen. Gleichzeitig ermöglichen sie den spielerischen Wechsel zwischen Gross- und Kleinbuchstaben.
  • Lernstufen reduzieren die Komplexität und ermöglichen einen schrittweisen Aufbau.
  • Lautsortierkreise schaffen Ordnung, fördern die Lautbewusstheit und helfen beim Wiederfinden der Karten.
  • Schreibideenbilder liefern kindgerechte Schreibanlässe mit Wörtern, die tatsächlich geschrieben werden können.
  • Die Progression sorgt dafür, dass Kinder möglichst früh erfolgreiche Lese- und Schreiberfahrungen machen.

So entwickelte sich Schritt für Schritt aus einer einzigen Idee ein vollständiges Schriftspracherwerbssystem.

Erst damit war die Grundlage für das heutige MEMOBU-Lernsystem geschaffen.


Schlussgedanke

Nicht ein einzelner Geistesblitz führte zum heutigen System.

Sondern viele kleine Fragen, die sich erst beim praktischen Arbeiten stellten.

Jede beantwortete Frage brachte die nächste hervor – bis aus den Buchstabenlautbildern Schritt für Schritt ein vollständiges Schriftspracherwerbssystem entstand.

Jeder dieser Bausteine entstand aus einer ganz konkreten Herausforderung. Erst ihr Zusammenspiel macht das MEMOBU-Lernsystem aus.

Ich hoffe, dass damit noch viele weitere Kinder einen schönen Einstieg in die Schriftsprache finden – nicht nur Felix.

Stefan Neurohr