Wie aus einer Idee Schritt für Schritt ein neues Schriftspracherwerbssystem entstand
Die Entwicklung von MEMOBU begann nicht mit Karten, Lernstufen oder Lautsortierkreisen. Sie begann mit einer einzigen Frage:
Wie kann ein Kind Wörter lesen und schreiben, bevor es die Buchstabenformen sicher beherrscht?
Ich war überzeugt, dass dies möglich sein müsste (siehe Artikel Warum ist die Wölfligeheimschrift einfacher zu lesen als das ABC?). Die entscheidende Idee war, Buchstabenform und Lauterinnerung nicht nebeneinanderzustellen, sondern in einem einzigen Bild zu verbinden. So könnte das Bild unmittelbar zum Laut führen, während die Buchstabenform von Anfang an mitwahrgenommen wird.
MEMO-BU – sie merken sich die Buchstaben.
Damit war die Grundidee der Buchstabenlautbilder und von MEMOBU geboren.
Bald zeigte sich: Die Buchstabenlautbilder funktionierten als Merk- und Lesehilfe sehr gut. Aber mir schwebte noch etwas anderes vor: Ich wollte, dass Kinder damit schreiben können, ebenfalls bevor sie die eigentlichen Buchstabenformen beherrschen.
Doch schon bei den ersten Schreibversuchen zeigte sich: Mit Buchstabenlautbildern allein war noch kein funktionierendes Lernsystem geschaffen. Je mehr Karten hinzukamen, desto schwieriger wurde es, beim Schreiben die richtigen wiederzufinden.
Dieses erste praktische Problem führte zu einer vertieften Auseinandersetzung mit dem gesamten Schriftspracherwerb. Nach und nach entstand aus jeder gelösten Schwierigkeit die nächste Frage – und aus den einzelnen Antworten schliesslich das heutige MEMOBU-Lernsystem.
Erfahren Sie, wie das heutige MEMOBU-Schriftspracherwerbssystem entstanden ist.
1. Der Anfang: Buchstabenlautbilder
Mein Ziel war die Entwicklung eines vollständigen Buchstabenlautbild-Systems, das sämtliche wichtigen Laute der deutschen Sprache abdeckt.
Von Anfang an war klar:
- Die Buchstabenform sollte Teil des Bildes sein.
- Das Bild sollte den Laut unmittelbar erinnern.
- Die Buchstabenlautbilder mussten so klar sein, dass man sie hintereinanderlegen und unmittelbar lesen oder zum Schreiben verwenden konnte.
So sollte Schreiben bereits möglich werden, bevor die abstrakten Buchstabenformen vollständig verinnerlicht sind.
Schon früh entstand deshalb die Idee einzelner Karten mit Buchstabenlautbildern, die Kinder in die Hand nehmen, legen, drehen und zu Wörtern zusammensetzen können.
2. Warum Karten – und keine Puzzleteile?
Meine erste Idee waren Puzzleteile, die sich beliebig zusammensetzen lassen sollten.
Nach den ersten Entwürfen wurde jedoch deutlich:
- Die Nuten der Puzzleteile würden wertvollen Platz für die eigentlichen Buchstabenlautbilder beanspruchen.
- Breite und schmale Buchstaben (wie SCH oder I) liessen sich nur schwer sinnvoll darstellen.
- Die Herstellung wäre deutlich aufwendiger.
Ich entschied mich deshalb für rechteckige Karten. Sie boten genügend Platz – auch für breite Buchstabenlautbilder wie SCH.
Diese Entscheidung erwies sich im Nachhinein als Glücksfall. Sie löste nämlich gleichzeitig ein zweites Problem.
3. Eine Kartendrehung statt eines zweiten Alphabets
Wenn Kinder zunächst Grossbuchstaben kennenlernen, stellt sich zwangsläufig die nächste Frage:
Wie gelangen sie später zu den Kleinbuchstaben?
Die Antwort lag auf der Rückseite der Karten.
Jede Karte erhielt auf der Vorderseite ein Buchstabenlautbild und auf der Rückseite den passenden Kleinbuchstaben. So genügt später eine einfache Kartendrehung, um vom Gross- zum Kleinbuchstaben zu wechseln.
Gross- und Kleinbuchstaben wurden an derselben Schreiblinie ausgerichtet. Dadurch entstand nicht nur ein harmonisches Schriftbild, sondern auch eine natürliche Einführung in die drei «Stockwerke» der Buchstaben. Da die Rückseite hochkant genutzt werden konnte, blieb sogar genügend Platz für alle Ober-, Mittel- und Unterlängen.
4. Das erste Schreiben zeigte das eigentliche Problem
Bevor ich begann, Buchstabenhäufigkeiten mathematisch zu untersuchen, wollte ich zunächst einfach ausprobieren, wie sich Schreiben mit Karten überhaupt anfühlt.
Ich druckte die ersten Buchstabenlautbilder aus, klebte Vorder- und Rückseiten zusammen und begann Wörter zu legen.
Dabei zeigte sich überraschenderweise nicht das Schreiben als Schwierigkeit.
Das eigentliche Problem war das Wiederfinden der richtigen Karte.
Schon nach wenigen Karten entstand Unordnung.
Kinder würden schnell den Überblick verlieren.
Mir wurde klar: Ein funktionierendes Schriftspracherwerbssystem braucht Ordnung.
5. Aus Chaos wurden Lernstufen
Der erste Gedanke war naheliegend:
Kinder lernen ja ohnehin nicht alle Buchstaben gleichzeitig. Warum also sollten von Anfang an sämtliche Karten auf dem Tisch liegen?
Die Lösung waren Lernstufen.
Dadurch lagen zunächst nur wenige Karten bereit, die Schritt für Schritt ergänzt wurden.
Doch das löste das Problem nur teilweise.
Denn früher oder später mussten trotzdem alle Karten auf dem Tisch liegen. Die schiere Anzahl verschiedener Laute machte das Wiederfinden weiterhin schwierig.
Es brauchte also nicht nur weniger Karten, sondern auch eine Ordnung innerhalb der Lernstufen.
6. Der Kompass im Mund
Die entscheidende Frage lautete:
Wie finden Kinder eine bestimmte Karte möglichst logisch wieder?
Die Lösung sollte nicht künstlich sein.
Sie sollte aus der Sprache selbst entstehen.
Gemeinsam mit meinen Kindern ordnete ich die Buchstaben den Stellen im Mund zu, an denen sie die Laute bei der Artikulation spürten.
Überraschenderweise kamen wir unabhängig voneinander nahezu auf dieselbe Ordnung (die Unterschiede lagen eher im Differenzierungsgrad).
Schliesslich entstanden vier praktische Lautregionen:
- Hals
- Gaumen
- Zunge und Zähne
- Lippen
Damit waren die Lautsortierkreise geboren. Auf ihnen haben alle Grapheme einen festen Platz, jeweils beim passenden Entstehungsbereich.
Die Lautsortierkreise schaffen so aber nicht nur Ordnung auf dem Arbeitsplatz.
Gleichzeitig lenken sie die Aufmerksamkeit auf die Artikulation der Laute und unterstützen so die Lautbewusstheit.
Was zunächst wie ein organisatorisches Problem erschien, entwickelte sich im Nachhinein zu einem der wichtigsten Bestandteile des gesamten Lernsystems.
7. Aber was sollen Kinder überhaupt schreiben?
Nun konnten Kinder Karten finden.
Doch welche Wörter sollten sie schreiben?
Kinder brauchen Wörter,
- die sie kennen,
- die sie lautgetreu schreiben können,
- die man bildlich darstellen kann
- und die sie auch mit einem begrenzten Buchstabeninventar bereits schreiben können.
So entstand zunächst ein Kinderwortschatz aus vorwiegend konkreten Nomen.
Dabei entschied ich mich bewusst für einen zunächst lautgetreuen Wortschatz ohne orthographische Besonderheiten. Kinder sollten sich beim ersten Schreiben ganz auf das Hören und Artikulieren verlassen können – ohne sich dabei falsche Schriftbilder anzueignen.
8. Die Geburtsstunde der Schreibideenbilder
Schon bald zeigte sich die nächste Schwierigkeit.
Wenn ein Kind vom Schreibvirus befallen ist, möchte es einfach drauflosschreiben. Es kann aber noch nicht wissen, welche Wörter sich mit seinem bisherigen Buchstabenrepertoire tatsächlich schreiben lassen. Das kann schnell zu Frust führen.
Wie also entstehen Schreibideen, die sich mit den bereits gelernten Buchstaben tatsächlich umsetzen lassen?
Die Antwort waren die Schreibideenbilder.
Sie zeigen Szenen voller Gegenstände, deren Wörter sich ausschliesslich mit den Buchstaben der jeweiligen Lernstufe schreiben lassen.
Begleitende Wortschatzlisten unterstützen Eltern und Lehrpersonen – und fördern gleichzeitig den Wortschatzaufbau.
So entstehen von Anfang an erfolgreiche Schreiberfahrungen.
9. Welche Buchstaben kommen zuerst?
Damit blieb noch eine wichtige Frage:
In welcher Reihenfolge sollen die Buchstaben eingeführt werden?
Die Reihenfolge sollte nicht beliebig sein. Mit jeder Lernstufe sollten möglichst viele neue, kindgerechte und lautgetreue Wörter les- und schreibbar werden. Gleichzeitig spielten die Wahrnehmbarkeit der Laute, die Unterscheidbarkeit der Buchstabenformen und die Anschlussfähigkeit an bestehende Lehrmittel eine Rolle.
Dazu wurden Wortschatzlisten aufgebaut, verschiedene Reihenfolgen mithilfe eines eigens entwickelten Computerprogramms verglichen und die Progression immer wieder praktisch überprüft.
So entstanden schrittweise die heutigen fünf MEMOBU-Lernstufen.
Wie die Progression im Einzelnen entwickelt wurde und welche Kriterien dabei entscheidend waren, beschreibe ich im Beitrag [«Warum die MEMOBU-Progression so aufgebaut ist»].
10. Ein Lernsystem statt einzelner Materialien
Rückblickend entstand MEMOBU nicht als fertige Idee.
Jeder neue Baustein löste ein Problem, das sich erst beim praktischen Arbeiten zeigte.
- Buchstabenlautbilder ermöglichen Lesen und erste Schreibversuche, bevor die abstrakten Buchstabenformen sicher verinnerlicht sind.
- Karten machen Sprache greifbar. Sie lassen sich ordnen, legen, drehen und immer wieder neu zusammensetzen. Gleichzeitig ermöglichen sie den spielerischen Wechsel zwischen Gross- und Kleinbuchstaben.
- Lernstufen reduzieren die Komplexität und ermöglichen einen schrittweisen Aufbau.
- Lautsortierkreise schaffen Ordnung, fördern die Lautbewusstheit und helfen beim Wiederfinden der Karten.
- Schreibideenbilder liefern kindgerechte Schreibanlässe mit Wörtern, die tatsächlich geschrieben werden können.
- Die Progression sorgt dafür, dass Kinder möglichst früh erfolgreiche Lese- und Schreiberfahrungen machen.
So entwickelte sich Schritt für Schritt aus einer einzigen Frage ein vollständiges Schriftspracherwerbssystem.
Erst damit war die Grundlage für das heutige MEMOBU-Lernsystem geschaffen.
Schlussgedanke
Nicht ein einzelner Geistesblitz führte zum heutigen System. MEMOBU entstand aus vielen kleinen Fragen, die sich erst beim praktischen Arbeiten stellten. Jede beantwortete Frage brachte die nächste hervor.
Jeder dieser Bausteine entstand aus einer ganz konkreten Herausforderung. Erst ihr Zusammenspiel macht das MEMOBU-Lernsystem aus.
Ich hoffe, dass damit noch viele weitere Kinder einen schönen Einstieg in die Schriftsprache finden – nicht nur Felix.
Stefan Neurohr